Fachtagung “Einsamkeit im Fokus – Einsamkeitsphänomene in der Sozialen Arbeit erkennen und ihnen professionell begegnen”

Weltweit klagen 20 Prozent aller Menschen über schwer auszuhaltende Erfahrungen von Einsamkeit. Darunter verstehen wir einen subjektiv wahrgenommenen Mangel an quantitativen und / oder qualitativen Aspekten eigener sozialer Beziehungen. Einsamkeit wirkt sich negative auf die Gesundheit und das Wohlbefinden aus. Vor allem im Kontext der andauernden Unsicherheit durch gesellschaftliche Krisen und der damit einhergehenden Auflösung sozialer und politischer Strukturen hat Einsamkeit zahlreiche Facetten angenommen, die über die Lebensspanne hinausgehen. Mittlerweile sind zahlreiche Einsamkeitsphänomene bekannt, beispielsweise bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie, bei Menschen mit depressiven Erkrankungen, bei gesellschaftlichen Minderheiten im Zuge der zunehmenden Stigmatisierung und Ausgrenzung oder im Alter. Trotz zahlreicher Erkenntnisse über ihre Folgen wird die Bedeutung von Einsamkeit für ein gesundes Leben in der Bevölkerung immer noch relativiert.

Daher lädt das European Centre for Clinical Social Work e.V. (ECCSW) am 12. Mai 2026 unter dem Motto „Einsamkeit im Fokus – Einsamkeitsphänomene in der Sozialen Arbeit erkennen und ihnen professionell begegnen“ zu einer kostenfreien Onlinefachtagung ein. Dabei sollen die gesundheitlichen Auswirkungen von Einsamkeit in der Bevölkerung und bei verschiedenen Zielgruppen der Sozialen Arbeit im Fokus stehen. Gleichzeitig werden Strategien und Interventionsformen aufgezeigt, um Einsamkeitsphänomene rechtzeitig zu erkennen und ihnen professionell zu begegnen. Die Fachtagung findet in Kooperation mit der Hochschule Campus Wien, dem Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V., der Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit, der Deutschen Vereinigung für Soziale Arbeit in der Suchthilfe e.V., der Deutschen Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V., dem Schweizerischen Fachverband für gesundheitsbezogene Soziale Arbeit und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit e.V. statt.

Alle Informationen zur Einladung und zum Programm sowie die Abstracts der einzelnen Beiträge finden Sie hier:

Keynote 1. „Zwischen Verletzlichkeit und Verbundenheit: Einsamkeit in der Klinischen Sozialarbeit“

Prof.in Dr.in Katrin Liel (Hochschule Landshut)

Einsamkeit ist ein wachsendes Gesundheits- und Gesellschaftsproblem, das tief in individuelle, zwischenmenschliche und gesellschaftliche Strukturen hineinwirkt. In der Klinischen Sozialarbeit begegnet uns Einsamkeit besonders häufig – insbesondere bei „beziehungserschütterten Menschen“ (Gahleitner 2020), als Ausdruck biografischer Brüche, sozialer Ausschlüsse und struktureller Bedingungen unserer Zeit. Der Vortrag plädiert für ein nicht-individualisierendes Verständnis von Einsamkeit und richtet den Fokus auf wirksame Handlungsansätze. Im Zentrum steht dabei die Bedeutung von Beziehungsgestaltung und Verletzlichkeit als Grundlage für echte Verbundenheit (Brown, 2012).

Keynote 2. „Soziale Netzwerkarbeit gegen Einsamkeit? Die Bedeutung sozialer Unterstützung im Kontext von Exklusionsrisiken und belasteten Lebenslagen“

Dr.in Annett Kupfer (TU Dresden)

Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Gefühl, sondern kann Ausdruck sozialer Ungleichheiten und Ausschlussprozesse sein. Besonders vulnerablen Gruppen – etwa älteren Menschen, Personen mit Migrationsgeschichte oder Menschen, die geschlechtsspezifische oder rassistische Diskriminierung erfahren – können tragfähige soziale Netzwerke und Zugänge zu Unterstützungssystemen fehlen. 
 Soziale Netzwerkarbeit kann darauf zielen, Einsamkeit präventiv vorzubeugen oder zu begegnen und Teilhabe zu fördern. Auf Basis der theoretischen Konzepte soziale Netzwerke, soziale Unterstützung und Exklusion werden empirische Befunde zu Netzwerkstrukturen vulnerabler Gruppen vorgestellt und in Beziehung zu gesundheitlichen und psychosozialen Folgen von Einsamkeit gesetzt. Anschließend wird diskutiert, was dies für professionelle Netzwerkarbeit bedeuten kann.

Keynote 3. Keynote: InGe – ein Lichtblick an der Seenplatte

Regina Göretzlehner (Gesundheitsamt Landkreis Mecklenburgische Seenplatte)

Das Informationszentrum Gesundheitsamt (InGe) in Neubrandenburg setzt sich multiprofessionell gegen Einsamkeit ein, insbesondere auch durch soziale Netzwerkarbeit auf dem Land. InGe bietet niedrigschwellige und altersunabhängige Zugänge zu Unterstützungsangeboten, verbindet verschiedene Berufsgruppen und fördert so ein starkes soziales Gefüge.

Gleichzeitig schafft es einen niederschwelligen Zugang zu medizinischer Hilfe, indem sie präventive Angebote und Beratung einbindet.

Durch diese Kombination aus sozialer Vernetzung und medizinischer Begleitung wird nicht nur die Einsamkeit reduziert, sondern auch die gesundheitliche Versorgung gestärkt.

Keynote 4. From Isolation to Solidarity: Social Work Mobilization in Greek Mental Health and Addiction Services

Lefkothea Rizopoulou (Fulda University of Applied Sciences), Maria Lamprini Bolovina (University of West Attica) & Eleftheria Levakou (University of West Attica)

Social workers in mental health and recovery addiction services in Greece are called to work in a neoliberal and shrinking (public) welfare state.  The neoliberal discourse within these services shifts responsibility onto individuals, framing social problems as personal failures. This deteriorating and disempowering system increases loneliness among service users, social workers and healthcare professionals. A striking example is Greece’s 2024 legislation (Law 5129/2024), misleadingly titled  “Completion of the psychiatric reform,” which in practice reduced access to community-based care, increased marginalization, and worsened precarious working conditions.
In response, a grassroots movement emerged, with active participation from social workers, guided by the principles of the Democratic Psychiatry Movement and critical/radical social work. This movement employed, among others, alliances and advocacy with service users and their families, stakeholder engagement, labor strikes and public campaigns to defend rights and public healthcare. Drawing on firsthand experience, participant observation, and materials produced during the mobilization, this presentation examines both the content and consequences of Law 5129/2024 and the collective strategies used to resist its effects, counter isolation and address feelings of powerlessness.
The mobilization served not only as a form of resistance but also as a protective strategy against professional and social isolation. It provided peer support, strengthened solidarity, and fostered a caring environment in a fragmented mental health system. By documenting this historic effort in Greek social work, the presentation highlights the critical role of collective action in promoting rights, addressing isolation, and strengthening social work’s political role and public voice in challenging contexts.

Panel 1: Gesundheitsbezogene Perspektiven

Die Bedeutung von Teilhabe an Arbeit auf Identitätskonstruktionen und Einsamkeitserleben in der Sozialpsychiatrie. Teilaspekte aus einem Dissertationsprojekt

Dr.in Kirsten Modrow (HAW Kiel)

Die Form der Einbettung in Arbeit nimmt unmittelbaren Einfluss auf Identitätskonstruktionen und in ihrer Konsequenz auf Teilhabe und Nicht-Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Psychiatrieerfahrung. Im Dissertationsprojekt wird mit Blick auf die Zusammensetzung der egozentrierten Netzwerke der Betroffenen zwischen Teilhabe an Mehrheitsgesellschaft und Teilhabe an sozialpsychiatrischen Bezugssystemen und Gemeinschaften ebenfalls Betroffener, der sogenannten „Psychiatriegemeinde“ unterschieden. In qualitativer Perspektive rekonstruieren Interviewteilnehmende in Narrationen zu ihren Beziehungen ihr Teilhabe-Erleben und damit verbunden auch Gefühle von Einsamkeit. Innerhalb von ca. 2 Jahren wurden mit Hilfe der Netzwerkkarte easy NWK von Peter Pantuček-Eisenbacher jeweils 3 Interviews zu den jeweiligen Beziehungen der Befragten geführt, um Netzwerkveränderungen über die Zeit abbilden zu können.  Die Praxis Sozialer Arbeit ist aufgefordert, eine gleichberechtigte Teilhabe Betroffener an Mehrheitsgesellschaft sozialraumorientiert zu unterstützen und sieht sich zugleich der Herausforderung gegenüber, eine mehrheitsgesellschaftliche Anerkennung für das Anderssein von Menschen mit Psychiatrieerfahrung, insbesondere auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt einzufordern. Hier gilt es, ganz im Sinne von Doortje Kal, „die langsamen und die schnellen Personenkreise miteinander in Verbindung zu bringen“ (2010, S. 187).

Die Wahrnehmung des Phänomens Einsamkeit und mögliche Interventionen der Klinischen Sozialarbeit bei Menschen mit Krebserkrankungen. Zentrale Fragestellung: Einflussnahme von Einsamkeit auf den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität von Menschen mit Krebserkrankungen

Ann-Kathrin Daniel (HAW Kiel)

Einsamkeit und soziale Isolation werden zunehmend als relevante psychosoziale Determinanten von Gesundheit und Krankheit anerkannt. Sie stehen in engem Zusammenhang mit Morbidität, Mortalität und Lebensqualität. Im onkologischen Kontext nehmen sie Einfluss auf die Entstehung, den Krankheitsverlauf, die Mortalität sowie Lebensqualität von Menschen mit Krebserkrankungen. Systematische Reviews machen deutlich, dass Einsamkeit unter Menschen mit Krebserkrankungen weit verbreitet ist. Ein wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen Einsamkeit und eingeschränkter gesundheitsbezogener Lebensqualität (HRQoL) Dimension festgestellt. Einsamkeit ist mit einem erhöhten Risiko für Depressionen, Angststörungen, Suizidalität und kognitiven Beeinträchtigungen assoziiert, was den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen kann. Die zugrunde liegenden Wirkmechanismen sind multifaktoriell begründet. Einsamkeit fungiert in diesem Kontext als psychosozialer Stressor, der negative Emotionen wie Angst und Stress verstärkt und mit gesundheitsrelevantem Risikoverhalten wie z.B. einer reduzierten körperlichen Aktivität einhergeht. Auf biopsychosozialer Ebene zeigen Studien stressinduzierte neuroendokrine Veränderungen, immunologische Dysregulation sowie einen erhöhten Spiegel inflammatorischer Entzündungsmarker wie dem C-reaktiven Protein und Interleukin-6, die mit Krebsprogression assoziiert werden. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, Einsamkeit und soziale Isolation systematisch in der onkologischen Versorgung zu erfassen. Insbesondere präventive, begleitende und strukturverändernde Interventionen sind notwendig. Darunter psychosoziale Screenings, die interdisziplinäre Zusammenarbeit (Onkologie, Psychoonkologie, Klinische Sozialarbeit), psychoedukative Angebote, die psychosoziale- und ressourcenorientierte Beratung, Netzwerkarbeit, Peer-Support-Programme sowie der Ausbau niedrigschwelliger und digitaler Unterstützungsangebote.

Soulspace berlin. ein niedrigschwelliges, sektorübergreifendes Beratungs- und Behandlungsangebot für junge Menschen in Krisen

Mario Schellong (M.A.) (ajb gmbh gemeinnützige Gesellschaft für Jugendberatung und psychosoziale Rehabilitation)

Die Belastung junger Menschen durch seelische Krisen, die mit sozialer Isolation assoziiert sind, ist evident. Krankenkassendaten und Umfrageerhebungen belegen zunehmende psychische Auffälligkeiten in der Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Gleichwohl nehmen nur 28% der jungen Menschen mit psychischen Störungen Gesundheitsangebote in Anspruch. Die bestehenden psychosozialen Unterstützungsangebote werden den Bedürfnissen junger Menschen nicht gerecht oder sind so fragmentiert, dass sie von den Betroffenen schwer zu finden sind.
In Berlin konnte durch den Zusammenschluss einer KBS für junge Menschen der ajb gmbh und Teilen der Institutsambulanzen der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes Klinikum am Urban sowie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie unter einem Dach eine jugendfreundliche, wohnortnahe, niedrigschwellige und integrierte Angebotsstruktur zur Verbesserung der Inanspruchnahme von Beratung und Therapie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Krisen etabliert werden.
soulspace arbeitet sektorübergreifend nach den Strukturmerkmalen für Integrated Youth Mental Health Services, IYMHS (WEF, 2020):
• Öffentlichkeits- und Awareness-Arbeit für seelische Gesundheit
• Beteiligung von Peer-Mitarbeitenden
• Niedrigschwelliger Zugang durch nicht-stigmatisierende Anlaufstellen in der Gemeinde
• Optimistischer Ansatz mit Fokus auf Frühintervention
• Inklusiv, kultursensibel und entwicklungsangepasst
• Integration von Kinder-Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie sowie Schul-, Arbeits- und Suchthilfeangeboten („one-stop shop“)
Die Anwendungspraxis zeigt, dass das Angebot von jungen Menschen stark in Anspruch genommen wird, sie damit überwiegend zufrieden sind und meist über symptomatische und subjektive Verbesserungen berichten. Das Versorgungsmodell erleichtert den Zugang, findet hohe Akzeptanz und leistet so einen zentralen Beitrag zur Bewältigung psychischer Erkrankungen.

Entweder wirste krank oder du gehst!? Digitale Transformation, Einsamkeit und psychosoziale Gesundheit in der Sozialen Arbeit

Nadine van der Meulen (M.A.) (OTH Regensburg)

Einsamkeit wird in der Sozialen Arbeit bislang vor allem als Phänomen der Adressat*innen diskutiert. Gleichzeitig verändern digitale Transformationsprozesse Arbeitsbeziehungen, Organisationskulturen und Kommunikationswege so tiefgreifend, dass neue Formen von Einsamkeit auch auf Seiten der Fachkräfte entstehen: Vereinzelung im Homeoffice, brüchige Teamstrukturen, standardisierte Fallbearbeitung über Fachsoftware und eine entgrenzte Erreichbarkeit können Resonanzräume, kollegiale Unterstützung und geteilte Verantwortlichkeit unterminieren.
Die Dissertation untersucht, wie digitale Technologien in der Sozialen Arbeit als Belastungs- und Entlastungsfaktoren erlebt werden und welche Rolle Einsamkeit dabei spielt – sowohl in der Beziehungsgestaltung mit Adressat*innen als auch im professionellen Selbstverständnis der Fachkräfte. Theoretisch wird auf das transaktionale Stressmodell, Technostress-Konzepte sowie kritische digitale Soziale Arbeit und Professionalitätstheorien zurückgegriffen.
Empirisch folgt das Projekt einem sequenziell-explanativen Mixed-Methods-Design. In einem ersten Schritt wurden 48 ero-epische Gespräche mit Sozialarbeiter*innen und Trägervertretungen geführt, die ein Spannungsfeld aus Erschöpfung, „professioneller Einsamkeit“, Empowerment und Kontrollverlust im digitalen Wandel sichtbar machen. Darauf aufbauend wird ein standardisierter Online-Fragebogen entwickelt, der u. a. digitale Belastung, Resilienz, organisationalen Support, digitale Erreichbarkeit und Einsamkeitserleben erfasst.
Ziel ist es, Einsamkeitsphänomene in digitalisierten Settings der Sozialen Arbeit präzise zu beschreiben und Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie digitale Prozesse so gestaltet werden können, dass sie Beziehung, Teilhabe und Gesundheit stärken – statt Fachkräfte und Adressat*innen in neue Formen der Isolation zu drängen. Damit leistet der Beitrag einen professionsethischen Impuls für eine Soziale Arbeit, die Digitalisierung aktiv und solidarisch mitgestaltet.

Einsamkeitphänomen in der Arbeitswelt begegnen

Beatrix Neuber (Dipl.-Sozialpädagogin, FH) (Bundesfachverband Betrieblicher Sozialer Arbeit)

Impulse aus der Praxis: Ich würde das Tätigkeitsfeld Betrieblichen Sozialen Arbeit zum Thema “Einsamkeit in der Arbeitswelt” skizzieren und beispielhaft darstellen welche Ansatzmöglichkeiten es geben kann um über den Arbeitgeber der Thematik zu begegnen.

Einsamkeit als Handlungsfeld der Betrieblichen Sozialen Arbeit

Dr. Martin Gibson-Kunze (Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.)

Einsamkeit stellt eine wachsende gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar. Auf individueller Ebene geht chronische Einsamkeit mit erheblichen Beeinträchtigungen des psychischen und physischen Wohlbefindens einher und gilt als einer der bedeutendsten psychosozialen Stressfaktoren. Auf gesellschaftlicher Ebene zeigen aktuelle Forschungsergebnisse unter anderem einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und einem verminderten Vertrauen in staatliche Institutionen. Deutlich weniger erforscht sind hingegen die Auswirkungen von Einsamkeit auf organisationaler Ebene.
Im Kontext der Arbeitswelt wird Einsamkeit unter anderem mit geringerer Arbeitszufriedenheit und -leistung, einem erhöhten Risiko für psychische und physische Belastungen (z. B. Burnout), einem belasteten Betriebsklima sowie einer erhöhten Kündigungsabsicht in Verbindung gebracht. Aktuelle Studien zeigen zudem, dass insbesondere Bevölkerungsgruppen im erwerbsfähigen Alter relevante Einsamkeitsbelastungen aufweisen. Zwar gilt Erwerbstätigkeit in der Forschung grundsätzlich als potenzieller Schutzfaktor gegen Einsamkeit, dieser Schutz erweist sich jedoch nicht als universell. Sowohl arbeitsbezogene Rahmenbedingungen als auch individuelle Merkmale scheinen das Einsamkeitserleben am Arbeitsplatz maßgeblich zu beeinflussen.
Der Vortrag stellt zentrale Ergebnisse aus den laufenden Forschungsprojekten „Kompetenznetz Einsamkeit“ sowie „Einsamkeit am Arbeitsplatz. Prävention und Linderung von Einsamkeit im Kontext der betrieblichen Gesundheitsförderung“ vor. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Rolle und Bedeutung der Betrieblichen Sozialen Arbeit. Grundlage bilden unter anderem qualitative Fokusgruppeninterviews mit Vertreter*innen der betrieblichen Sozialen Arbeit. Der Beitrag zeigt auf, welche spezifischen Aufgaben, Handlungsspielräume und Herausforderungen der Betrieblichen Sozialen Arbeit im Umgang mit Einsamkeit zukommen und wie sie zur Entwicklung einer einsamkeitssensiblen Unternehmenskultur beitragen kann.

Panel 3: Gesellschaftskritische Perspektiven

Zwischen Rückzug und Resilienz – Zur psychosozialen Bedeutung von Einsamkeitsscham

Prof. Dr. Michael Noack (Hochschule Niederrhein)

Der Vortrag adressiert eine zentrale Fragestellung der Tagung: Wie lassen sich Einsamkeitsphänomene in der psychosozialen Arbeit erkennen – insbesondere dann, wenn Menschen selbst nicht offen über ihre Einsamkeit sprechen?
Im Mittelpunkt steht die These, dass Einsamkeit häufig nicht nur unerkannt bleibt, sondern auch verschwiegen wird, weil sie mit Scham besetzt ist. Die Einsamkeitsscham kann dazu führen, dass Betroffene psychosoziale Hilfen nicht in Anspruch nehmen, ihre Lebenssituation nicht offenlegen oder Kontakte zu Fachkräften abbrechen, sobald das Thema Einsamkeit berührt wird. Gerade in der psychosozialen Arbeit ist dies hoch relevant: Denn das Hilfeangebot kann nur dann greifen, wenn die Problemlagen erkannt und bearbeitet werden können.
Der Vortrag beginnt mit einer begrifflichen Verortung: Einsamkeit wird von benachbarten Konzepten wie Alleinsein und sozialer Isolation abgegrenzt. Anschließend wird gezeigt, wie sich Einsamkeit in der psychosozialen Praxis sowohl anhand direkter als auch indirekter Anzeichen erkennen lässt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf verdeckten und non-verbalen Hinweisen, die in Beratung, Begleitung oder Gruppenarbeit beobachtbar sein können.
Im letzten Abschnitt wird diskutiert, welche Handlungsansätze geeignet sein können, um mit der Einsamkeitsscham umzugehen. Dabei werden unter anderem niedrigschwellige, aufsuchende und zugehende Arbeitsformen thematisiert, die es ermöglichen, auch jene Menschen zu erreichen, die aufgrund ihrer Einsamkeit von sozialen und institutionellen Ressourcen weitgehend abgeschnitten sind.

Gegen das Stigma von Menschen mit psychischen Erkrankungen: Hintergrund und Qualitätsstandards kontaktbasierter Anti-Stigma-Interventionen

Karsten Giertz (M.A.) (Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V.)

In der psychosozialen Praxis haben sich in den letzten Jahren verschiedene Beratungs- und Unterstützungsformen etabliert, deren Ursprünge im Bereich der Selbsthilfe zu finden sind. Insbesondere als Antwort auf die gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen mit psychischen Erkrankungen entstanden ausgehend von der Selbsthilfe in vielen Ländern verschiedene Interventionen zur Entstigmatisierung aber auch zur Bewältigung von eignen Ausgrenzungserfahrungen. Dabei haben sich kontaktbasierte Interventionen, bei denen der Abbau von Vorurteilen durch die Begegnung und den direkten Austausch mit Menschen mit psychischen Erkrankungen gefördert wird, bisher als effektivste Interventionsform erwiesen. In Deutschland setzt der Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. seit vielen Jahren gemeinsam in Kooperation mit Akteur*innen aus der Selbsthilfe und aus dem Bereich des Peer-Support kontaktbasierte Anti-Stigma-Interventionen um. Im trialogischen Austausch mit den beteiligten Erfahrungsexpert*innen und in Anlehnung an den Erkenntnissen aus dem Bereich der psychiatrischen Stigmaforschung wurden fachliche Qualitätsstandards entwickelt und veröffentlicht, die dabei unterstützen sollen, wirksame und nachhaltige kontaktbasierte Anti-Stigma-Interventionen in der psychosozialen Praxis umzusetzen. Im Rahmen des Beitrages werden aktuelle Erkenntnisse zu den Wirkfaktoren von kontaktbasierten Anti-Stigma-Interventionen sowie die trialogisch entwickelten Qualitätsstandards vorgestellt.

Das einsame Subjekt – Rekonstruktionen der sozialpolitischen und sozialarbeiterischen Problematisierung von Einsamkeit

Tillman Schneider-Benthe (M.A.) (HAW Hamburg)

Promotionsvorhaben: Machtanalytische Perspektiven auf Einsamkeit und Vernetzung
Das Phänomen der Einsamkeit schickt sich derzeit an, zur dominierenden Problematisierungsweise demokratischer Gesellschaften zu werden. Der geplante Vortrag gibt Ausblick auf ein Promotionsprojekt, das die Diskurskonjunktur von Einsamkeit mit der Ausweitung von Vernetzungsimperativen in Verbindung zu bringen sucht. Ausgangspunkt ist die These, dass Vernetzung nicht nur eine Strategie zur Bearbeitung von Einsamkeit darstellt, sondern sich als zentrales Handlungsideal der Netzwerkgesellschaft in Subjekte und Institutionen eingeschrieben hat.
Der Beitrag versteht Einsamkeit als Problematisierung zeitgenössischer Vergesellschaftung, durch die sich Transformationsprozesse spätmoderner Sozialpolitik beobachten lassen – sowie als Kristallisationspunkt eines Vernetzungsdispositivs, das tiefgreifende Auswirkungen auf professionelle Praxis und subjektive Selbstverhältnisse hat. Aus machtanalytischer Perspektive wird untersucht, wie Einsamkeit als soziales Problem hervorgebracht und mit Handlungsimperativen verknüpft wird.
Das Projekt kombiniert eine Rekonstruktion sozialpolitischer und sozialarbeitspolitischer Diskurse mit einer Analyse sozialarbeiterischer Regierungstechnologien, die in Methodenliteratur, Konzepten und Programmen sichtbar werden. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Fragen, wie Einsamkeit und Vernetzung diskursiv zu einer Problemfigur verknüpft und wie Subjekte in professionellen Settings diesen diskursiven Konstruktionen entsprechend geformt werden.
Der Vortrag soll zudem einen Ausblick auf die ambivalenten Effekte eröffnen, die eine politisch-programmatische Problematisierung von Einsamkeit als Problem der Vernetzung erzeugt: Sie eröffnet und legitimiert neue Zugänge zur Bearbeitung sozialer Exklusion, reproduziert zugleich aber responsibilisierende Normen der Selbstsorge, Aktivität und Beziehungsarbeit.

Panel 4: Perspektiven junger Menschen

Einsamkeit als psychosoziale Herausforderung im Studium – Bevölkerungsrepräsentative Befunde aus dem Mikrozensus 2022

Antje Römhild (Dipl.-Soz.Wiss.) & Prof. Dr. Alfons Hollederer (Universität Kassel)

Aktuelle Befunde zeigen, dass in Deutschland auch Studierende von Einsamkeit überproportional betroffen sind, wobei diese Belastungen durch die COVID-19-Pandemie weiter zunahmen. Daher besteht ein erheblicher Forschungsbedarf an bevölkerungsrepräsentativen Analysen zu Einsamkeitsphänomenen bei Studierenden sowie Vergleichsanalysen. Der Beitrag basiert auf Sekundäranalysen des Mikrozensus 2022 und deskriptiver Statistik. Die Analysen zielen auf die Prävalenz empfundener Einsamkeit bei gesunden Studierenden im Vergleich zu Studierenden mit schlechter subjektiver Gesundheit, chronischer Erkrankung und Einschränkungen der Teilhabe im Alltag (Global Activity Limitation Indicator) sowie auf Unterschiede zu Nichtstudierenden und der gesamten Bevölkerung in Deutschland. Weiter werden Assoziationen des Einsamkeitsempfindens mit relevanten soziostrukturellen Faktoren untersucht Die Ergebnisse zeigen erhöhte Einsamkeitsprävalenzen bei Studierenden, insbesondere bei Studierenden mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Zudem bestehen signifikante Assoziationen zwischen erhöhten Einsamkeitsgefühlen, einer schlechteren subjektiven Gesundheit und Einschränkungen der Teilhabe im Alltag. Besonders vulnerable Gruppen lassen sich anhand soziostruktureller Merkmale differenziert identifizieren. Die Befunde machen Einsamkeit als zentrale psychosoziale Problemlage im Hochschulkontext sichtbar und unterstreichen den Bedarf an strukturell verankerten Präventions- und Interventionsansätzen. Um Einsamkeit wirksam zu reduzieren und Gesundheit sowie Teilhabe zu verbessern, sollte ein Studentisches Gesundheitsmanagement früh im Studienverlauf ansetzen, die Vernetzung von Lehre, Beratung und psychosozialer Unterstützung stärken sowie die aktive Partizipation Studierender fördern. Implikationen für die Integration des Themas Einsamkeit in die Lehre der Studiengänge der Sozialen Arbeit werden diskutiert.

Einsamkeit im jungen Erwachsenenalter, Ursachen, Auswirkungen und Handlungsansätze – eine quantitative Untersuchung am Beispiel der Hochschule Coburg

Johanna Miez (M.A.) (Hochschule Coburg)

Die Doktorarbeit „Einsamkeit und Naturerleben im jungen Erwachsenenalter – eine empirische Analyse von zwei Grundfreiheiten“ untersucht Einsamkeit, Naturerleben und Gesundheitserleben unter jungen Erwachsenen aus der theoretischen Perspektive des Capabilities Approach (Nussbaum 2019, 2020). Die Studie fügt dem aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskurs zu Einsamkeit und Gesundheit eine ökozentrierte Perspektive hinzu.
Mit einer standardisierten Online-Befragung wurden junge Erwachsene (18-30 Jahre) befragt und der Fragebogen bestand aus vier Modulen, die miteinander in Bezug gesetzt wurden: Einsamkeit, Naturerleben, subjektive Gesundheit und Soziodemografie. Der Datensatz (n=633) wurde mit statistischen Verfahren analysiert und auf signifikante Zusammenhänge und Gruppenunterschiede hin überprüft.
Aus den Daten lassen sich verschiedene Befunde ableiten: Einsamkeit stand in deutlichen signifikanten negativen Zusammenhängen mit der subjektiven Gesundheit, was die gesundheitliche Bedeutung dieses sozialen Phänomens bekräftigt. Es fand sich zudem ein leichter signifikanter negativer Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Naturerleben. Hinsichtlich dieses Zusammenhanges zeigten die Daten auch den sogenannten „equigenic effect“.
Die Phänomene Einsamkeit und Naturerleben wurden nicht von allen Befragten in gleichem Maße erlebt. So erschien Einsamkeit deutlich stärker in den Gruppen der Befragten mit niedrigerem Bildungsgrad, unter Auszubildenden und Befragten mit chronischen Erkrankungen. Naturerleben war in den Untergruppen mit niedrigerem Bildungsgrad und unter Auszubildenden weniger ausgeprägt.
Einsamkeit und Naturerleben müssen somit als zentrale Aspekte als eines guten und gesunden Lebens gedeutet werden. Gleichzeitig beeinflussen sich die beiden Phänomene auch und die Ergebnisse legen nahe, dass in naturbezogenen Interventionen ein Potential für die Soziale Arbeit liegt, um gerechte Verwirklichungschancen herzustellen und Einsamkeit professionell zu begegnen.

Einsamkeit und Naturerleben im jungen Erwachsenenalter – Ergebnisse aus einer Dissertation

Nathalie Schnoor (M.A.) (HAW Kiel)

Die Doktorarbeit „Einsamkeit und Naturerleben im jungen Erwachsenenalter – eine empirische Analyse von zwei Grundfreiheiten“ untersucht Einsamkeit, Naturerleben und Gesundheitserleben unter jungen Erwachsenen aus der theoretischen Perspektive des Capabilities Approach (Nussbaum 2019, 2020). Die Studie fügt dem aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskurs zu Einsamkeit und Gesundheit eine ökozentrierte Perspektive hinzu.
Mit einer standardisierten Online-Befragung wurden junge Erwachsene (18-30 Jahre) befragt und der Fragebogen bestand aus vier Modulen, die miteinander in Bezug gesetzt wurden: Einsamkeit, Naturerleben, subjektive Gesundheit und Soziodemografie. Der Datensatz (n=633) wurde mit statistischen Verfahren analysiert und auf signifikante Zusammenhänge und Gruppenunterschiede hin überprüft.
Aus den Daten lassen sich verschiedene Befunde ableiten: Einsamkeit stand in deutlichen signifikanten negativen Zusammenhängen mit der subjektiven Gesundheit, was die gesundheitliche Bedeutung dieses sozialen Phänomens bekräftigt. Es fand sich zudem ein leichter signifikanter negativer Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Naturerleben. Hinsichtlich dieses Zusammenhanges zeigten die Daten auch den sogenannten „equigenic effect“.
Die Phänomene Einsamkeit und Naturerleben wurden nicht von allen Befragten in gleichem Maße erlebt. So erschien Einsamkeit deutlich stärker in den Gruppen der Befragten mit niedrigerem Bildungsgrad, unter Auszubildenden und Befragten mit chronischen Erkrankungen. Naturerleben war in den Untergruppen mit niedrigerem Bildungsgrad und unter Auszubildenden weniger ausgeprägt.
Einsamkeit und Naturerleben müssen somit als zentrale Aspekte als eines guten und gesunden Lebens gedeutet werden. Gleichzeitig beeinflussen sich die beiden Phänomene auch und die Ergebnisse legen nahe, dass in naturbezogenen Interventionen ein Potential für die Soziale Arbeit liegt, um gerechte Verwirklichungschancen herzustellen und Einsamkeit professionell zu begegnen.

Ich einsam. Wir gemeinsam.

Christoph Lohschelder, (M.A.) (Bistum Aachen, Innovationsplattform), Christoph Vitzer (M.A.), (Bistum Aachen, Innovationsplattform), Prof.in Dr.in Karolin Kappler (Kath. Hochschule NRW) & Prof. Dr. Mathias Berg (Kath. Hochschule NRW)

Junge Erwachsene sind am meisten von Einsamkeit betroffen, jeder vierte bis jeder sechste stark. Im Projekt “Ich Einsam. Wir Gemeinsam.” möchten wir die Möglichkeiten digitalen Streetworks auf Social Media erkunden. Zielgruppe sind Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, die punktuell, situativ oder phasenweise von Einsamkeit betroffen sind. Das Ziel ist für das Thema Einsamkeit zu emotionalisieren, zu enttabuisieren und Community zu schaffen, im ersten Schritt steht ein Lernen im Vordergrund, was gebraucht wird. Das Projekt ist zunächst in einer Erprobungsphase, aus dem sich im Kontakt mit der Zielgruppe eine Weiterentwicklung ergeben kann. Der Testzeitraum ist zwischen Januar 2026 und Ende März 2026. Die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Panel 5: Methodische Perspektiven

Einsamkeitsbewältigung als Bestandteil psychiatrischer Behandlungsstruktur – Einführung und Evaluation der sozial-kognitiven Trainingsintervention „Das Soziale Wesen“ zur therapeutischen Einsamkeitsbewältigung bei Menschen mit psychischer Erkrankung

Jonas Schmeißner-Darkow, (M.A.) (Psychiatrisches Krankenhaus Rickling)

Einsamkeit ist bei Pat. der Allgemeinpsychiatrie ein störungsübergreifendes Problem, wird allerdings noch nicht entsprechend in den Behandlungsleitlinien verankert. Ergänzend zur störungsspezifischen Behandlung braucht es daher ein Behandlungsangebot zur Einsamkeitsbewältigung. Forschungsvorhaben: Im Rahmen eines Promotionsprojektes wurde die sozial-kognitive Trainingsintervention „Das Soziale Wesen“ entwickelt und als modulbasierte Gruppenintervention im Setting einer stat. Allgemeinpsychiatrie etabliert. Ziel: Evaluation der Gruppenintervention zur Bewältigung von Einsamkeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen im Setting der stat. Allgemeinpsychiatrie. Forschungsfrage: Kann die Trainingsintervention das Erleben von Einsamkeit störungsübergreifend bei Pat. der stat. Allgemeinpsychiatrie reduzieren und hat dies außerdem auch einen pos. Effekt auf die störungsspezifische Symptomatik sowie die Selbstwirksamkeitserwartung? Um einen langfristigen Nutzen zu erkennen, wird der Effekt zu verschiedenen Zeitpunkten nach der Intervention geprüft (4 Wochen / 6 Monate). Hypothese: H1. Die Trainingsintervention führt störungsübergreifend zu einer sign. Verbesserung des Einsamkeitserlebens H2. Der Effekt hält 6 Monate nach der Intervention an H3. Bei sinkender Einsamkeit verbessert sich die störungsspezifische Symptomatik und die SWE steigt. H4. Die Verbesserung von Einsamkeit und infolge der störungsspezifischen Symptomatik sowie die SWE ist sign. wirksamer als bei der Kontrollgruppe. Methode: Clinical Trial mit random. Kontrollgruppendesign. Studientyp: Interventionell, Prä-Post-Follow Up. Stichprobe: Pat. der stat. Akutpsychiatrie. Einschlusskriterien: UCLA-LS-ES-Score >1,7 – 5, Volljährigkeit, schrift. Einwilligung, deutsche Sprache. Hypothesentestung: Unterschiedsanalysen und Zusammenhangsanalysen. Implikation: Durch eine evidenzbasierte Trainingsintervention zur Einsamkeitsbewältigung soll die stat. Allgemeinpsychiatrie um einen Behandlungsschwerpunkt erweitert werden.

Begegnung der sozialen Isolation mit Sozialtherapie

Dr.in Melanie Zellner & FH-Prof. Saskia Erhardt (Hochschule Campus Wien)

Soziale Isolation wird von dem Gefühl der Einsamkeit begleitet. Diesem Phänomen kann sozialtherapeutisch begegnet werden. Im Fallbuch zur Sozialtherapie in der Klinischen Sozialen Arbeit (2025) wird auf soziale Isolation und Einsamkeit Bezug genommen. Mit einem Schema Sozialtherapeutischer Interventionsplanung (SSI) wird eine Umsetzung in die Praxis vorgenommen. Das SSI kann mit einem bifokalen Blick sozialer Isolation begegnen. Der bifokale Blick richtet sich auf Aspekt der Individualorientierung (IO) und auf Systemorientierung (SO). Soziale Isolation ergibt sich bei einem Mangel in der Systemorientierung (SO). Wird in der Bereich SO4 Beziehungsaufbau in den Fokus genommen, wirkt sich dies förderlich auf IO und SO aus. In diesem Vortrag erfolgt ein theoretischer Aufriss mit dem Fallbuch zur Sozialtherapie in der Klinischen Sozialen Arbeit (2025) als theoretische Rahmung. Mit dem SSI wird die Theorie in die Praxis überführt.

Wie (professionell) begegnen Fachkräfte Einsamkeit? Empirisch-qualitative Schlaglichter auf Thematisierungs- und Bearbeitungslogiken von Einsamkeit in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit

Daniel Ewert (M.A.) (Otto-von-Guericke Universität Magdeburg)

In jüngerer Vergangenheit haben die Themen Einsamkeit, Vereinzelung, Vereinsamung oder soziale Isolation eine verstärkte politische, wissenschaftliche und gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit erfahren, die bis heute anhält. Im Zuge der Wahrnehmung von Einsamkeit als eine der zentralen und folglich zu adressierenden Herausforderungen unserer Zeit müssen Einsamkeitsepisoden nicht ausschließlich allein (oder in privaten Kontexten) durchgestanden oder bearbeitet werden. Vielmehr wurden sukzessiv Angebote und Begegnungsorte initiiert oder bestehende weiterentwickelt, die einsamkeitsbetroffene Personen aufsuchen können, um ihren Einsamkeitsgefühlen präventiv zu begegnen oder sie zu reduzieren. Dies gilt auch für Handlungsfelder der Sozialen Arbeit etwa in den Bereichen Altenhilfe, Sozialpsychiatrie, Gesundheit und einigen mehr.
Ein immer wieder formuliertes Ziel verschiedener Hilfsangebote liegt dabei in der Sensibilisierung für und Entstigmatisierung von Einsamkeit. Das daraus resultierende Ideal einer möglichst (scham)sensiblen Adressierung und Begegnung von Einsamkeit stellt Fachkräfte, die mit Einsamkeitsbetroffenen in Kontakt stehen, vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Ein wesentlicher Teil der Herausforderung besteht darin, dass eine direkte Adressierung und Benennung von Einsamkeit damit einhergehen kann, einsamkeitsbetroffene Personen mit ihren Einsamkeitsgefühlen zu konfrontieren oder als einsame Personen zu etikettieren. Andersherum können indirekte Zugangsweisen Gefahr laufen, Einsamkeitserfahrungen nicht nachhaltig und dauerhaft zu begegnen oder schlicht die eigentliche Zielgruppe nicht zu erreichen.
Wie gehen nun Fachkräfte der Sozialen Arbeit mit diesen und weiteren Herausforderungen um? Im methodischen Rahmen theoriegenerierender Expert*inneninterviews (Bogner & Menz 2002) zielt der Impulsvortrag darauf ab, Teilergebnisse meines Promotionsprojekts zu Logiken der Thematisierung und Bearbeitung von Einsamkeit vorzustellen.

Zuversicht säen: Ein Gemeinschaftsgarten als sozial-ökologischer Resonanzraum

Lara Irene Wintzer

Einsamkeit entsteht und wirkt als komplexes gesellschaftliches Phänomen auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene. Menschen, deren Biografie und Alltag von multiplen Belastungen geprägt sind, lassen sich über klassische (sozialarbeiterische) Unterstützungsangebote nur schwer erreichen und verfügen häufig über weniger kognitive und emotionale Ressourcen, um neue soziale Kontakte zuzulassen und aufrechtzuerhalten. Soziale Erschöpfung (Lutz 2014) und Resignation begünstigen Gefühle von Einsamkeit und Isolation. Das geplante Projekt erweitert die biopsychosoziale Perspektive (Pauls 2004) auf Einsamkeit um eine ökologische Dimension (vgl. Petzold 2022). Es nutzt die Attention Restoration Theory (Kaplan & Kaplan 1989) und untersucht, inwiefern (gemeinsame) Naturerfahrungen kognitive und emotionale Ressourcen regenerieren und die Fähigkeit zum sozialen Austausch stärken. Damit knüpft das Vorhaben an resonanztheoretische Ansätze (Rosa 2019) an und versteht Einsamkeit als Ausdruck unterbrochener Beziehungen zu Mit- und Umwelt. Zentral ist die begleitende Prozessforschung bei der Planung, Entwicklung und Pflege eines gemeinschaftlich gestalteten Hausgartens durch eine heterogene Zielgruppe: Auszubildende, Studierende, suchtbelastete junge und ehemals wohnungslose Menschen, Nachbarschaft und Sozialarbeitende. Mithilfe narrativer Interviews, teilnehmender Beobachtungen und Fokusgruppen werden Einsamkeitserfahrungen, Veränderungen im Stress- und Zugehörigkeitserleben sowie die subjektive Bedeutung von Naturbezug, Körperlichkeit und nicht-sprachlicher Interaktionen untersucht. Das Vorhaben ist der transformativen Forschung zuzuordnen und möchte sowohl den Einsamkeitsbegriffs als auch professionelle Bewältigungsperspektiven erweitern. Der gemeinschaftlich entstehende Garten soll als niedrigschwelliger sozial-ökologischer Resonanzraum dienen, neue Formen von Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Zuversicht ermöglichen und damit gängige Unterstützungsangebote sinnvoll ergänzen.

Panel 6: Perspektiven von Menschen mit Fluchterfahrungen

Einsamkeitsbezogene „Bewältigungsgeschichten“ geflüchteter Mütter aus der Ukraine – Methodik der Einsatzmöglichkeiten in Praxis und Lehre

Prof.in Dr.in Alla Koval & Prof.in Dr.in Dietrun Lübeck (Evangelische Hochschule Berlin)

Eine bislang noch nicht explizit in der Klinischen Sozialarbeit wahrgenommene Zielgruppe sind Ukrainer*innen mit Kindern, die seit 2022 kriegs- und fluchtbedingt in Deutschland leben. Diese Erfahrung hat bei vielen von ihnen nicht nur psychosoziale Folgen für ihre mentale und körperliche Gesundheit, sondern auch Einsamkeitserleben nach sich gezogen. Die betroffenen Frauen gehen damit sehr unterschiedlich um, was zum einen darauf verweist, dass auch diese Gruppe in sich divers ist, und zum anderen Anhaltspunkte gibt, wie facettenreich Bewältigung (coping) erfolgt.
Der Beitrag basiert auf einer rekonstruktiven Analyse von 17 biografisch-narrativen Interviews (Schütze 1983; 1984) mit Müttern, die nach dem 24. Februar 2022 mit ihren Kindern aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet sind. Zunächst wird in einem ersten Schritt die durch Krieg, Flucht und erzwungene Migration geprägte soziale Isolation und emotionale Einsamkeit aus der Perspektive der befragten Mütter aufgezeigt. Anschließend werden biografisch verankerte Bewältigungsstrategien sowie professionelle und informelle soziale Unterstützungsprozesse analysiert, die die Interviewten entwickelt oder genutzt haben, um ihre Einsamkeit zu überwinden.
Aus diesem Material und dessen Auswertung heraus wurde die Methode „Bewältigungsgeschichten“ entwickelt. Die Methode eignet sich sowohl für die Lehre im methodischen Handeln als auch als Impuls für die Praxis Klinischer Sozialarbeit. Es wird zunächst erläutert, wie sie in der Lehre umgesetzt wird. Anschließend wird skizziert, wie und warum der Einsatz von „Coing-Stories“ in der psychosozialen Beratung sowie der Gruppenarbeit dazu beitragen kann, soziale Isolation zu überwinden.

Einsamkeit im Kontext Flucht – Zwischen zurückgelassenen Netzwerken, Gewalterfahrungen und Integration

Anna Kamenik (M.A.)

Menschen, die aus anderen Ländern fliehen müssen, verlieren vor allem eins: Ihre heimischen Netzwerke – Familie, Freund*innen, Nachbar*innen oder Kolleg*innen. Angekommen in vorläufigen Unterkünften Deutschland, liegt der Fokus neben der Klärung des Asylverfahrens auf individuellen Bedarfen des Ankommens: Formulare, Hilfen, falls möglich Einschätzung individueller Traumata und Problemlagen und Verweisberatung an die richtigen Stellen. Vor, während und nach der Flucht erleben viele Gewalt, Unsicherheit und oft auch fehlende Perspektiven. Diese Erfahrungen und zurückgelassene Netzwerke können Vertrauensverlust in sich und andere sowie in der Folge Einsamkeit mit sich bringen. In ihrer Arbeit als Gewaltschutzkoordinatorin entwickelte die Referenten auf Basis dieses Wissens der Vereinzelung Strategien zur Stärkung der Gruppendynamik, Peer-Beratung und folglich des partizipativem Gewaltschutzes. Sichere Räume zu erfahren und die eigene Selbstwirksamkeit und Handlungsperspektiven (wieder) zu entdecken sind deswegen zentrale Ziele. Denn: Wo Menschen unsicher, einsam und angespannt sind und sich in Ihrer „Nachbarschaft“ nicht wohl fühlen, ist das Konfliktpotential durch den gefühlten Stress und das fehlende Vertrauen deutlich höher. Als gegenteiliger Effekt ist ein starkes, sensibilisiertes Umfeld eine starke Ressource zur Unterstützung oder als „Frühwarnsystem“ größerer Problemlagen. Im Vortrag beschreibe ich zunächst Einsamkeit im Kontext der Unterbringung geflüchteter Menschen zwischen fehlenden strukturellen und persönlichen Ressourcen. Daran anschließend werden konzeptionellen Leitideen vorgestellt, professionsethische Aspekte benannt und bereits erprobte Handlungsmöglichkeiten vorgestellt.