Programm zur Fachtagung „Digitalisierung und neue Perspektiven in der psychosozialen Arbeit“

Hintergrund

Der Einsatz digitaler und internetbasierter Technologien hat im Rahmen von gesellschaftlichen Digitalisierungsprozessen in der Beratung, in der psychosozialen Versorgung und in der Praxis der Klinischen Sozialarbeit an Bedeutung gewonnen.

Im Zuge der digitalen Transformation kam es in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu grundlegenden strukturellen Veränderungen der Lebenswelten und Kommunikationsformen. Die breite gesellschaftliche Verwendung der vielfältigen digitalen und internetbasierten Technologien sowie der neuen Medien geht mit einer höheren Flexibilisierung und Beschleunigung der sozialen und wirtschaftlichen Lebenswelt sowie des allgemeinen Kommunikations- und Informationsverhaltens einher. Eingebettet in diesen gesellschaftlichen strukturellen Wandel müssen sich auch soziale Organisationen sowie psychosoziale Unterstützungs- und Beratungsangebote mit den veränderten Lebenswelten ihrer Zielgruppen auseinandersetzen.

Neben den durch die digitale Transformation einhergehenden neuen Herausforderungen für die Methodik, Interventionen und organisatorischen Arbeitsweisen, verspricht der Einsatz von digitalen Technologien in der Beratungspraxis auch eine Vielfalt an neuen Möglichkeiten und Chancen im Rahmen der Niedrigschwelligkeit, Flexibilität und Anonymität.

Damit gehören digitale Kommunikations- und Unterstützungsangebote neben traditionellen persönlichen Konsultationen zu einem wichtigen Medium für Gesundheitsfragen. Auch die räumliche und zeitliche Flexibilisierung durch digitale Formen der Unterstützungs- und Kommunikationsangebote erleichtert den Zugang zu verschiedenen psychosozialen Angeboten für viele Menschen.

Im Zuge dieser Entwicklung veranstaltet das European Centre of Clinical Social Work e.V. in Kooperation mit der Fachhochschule Wien, dem Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V., dem Institut für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V., dem Verein EX-IN Mecklenburg-Vorpommern e.V., dem Schweizer Fachverband Soziale Arbeit im Gesundheitswesen und der Hochschule Neubrandenburg am 20. Mai 2022 die digitale Fachtagung „Digitalisierung und neue Perspektiven in der psychosozialen Arbeit“.

Im Folgenden finden Sie das Detailprogramm mit den Abstracts der einzelnen Beiträge. Nach der Fachtagung können Sie hier auch die Präsentationen der einzelnen Beiträge abrufen.

Programm

09:00 Uhr Eröffnung und Keynote 1

Digitalisierung der Gesellschaft und der psychosozialen Beratung?

Matthias Berg

Die Digitalisierung ist in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen weit vorangeschritten. Nicht nur im Berufsleben, auch im Alltag von Familien, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, scheinen die Grenzen zwischen digitaler und analoger Welt an Konturierung zu verlieren. Digitalität kann als ein Kennzeichen des postmodernen Menschen verstanden werden: Aufwachsen findet dabei heute nicht mehr mit, sondern im digitalen Medium statt. Psychosoziale Beratung von Kindern, Jugendlichen und Familien als Teil des gesellschaftlichen Funktionssystems ist von dieser Transformation nicht ausgenommen. Doch wie sollte sich Beratung im digitalen Zeitalter aufstellen, um in den veränderten Lebens- und Familienwelten Relevanz zu besitzen? Verliert die psychosoziale Beratung zwischen Digitalisierung und Digitalität womöglich ihren Wesenskern und macht diese für Adressat_innen der (Klinischen) Sozialen Arbeit mitunter schwerer erreichbar oder verdaulich? Der Vortrag versucht sich insofern an einer kritischen Würdigung von Beratung unter digitalen Bedingungen.

Mathias Berg, Prof., Dr. phil., M.A. Klinisch-therapeutische Soziale Arbeit, Diplom-Sozialpädagoge, verschiedene Beratungsaus- und weiterbildungen (u.a. personzentrierte Beratung, systemische Beratung und Familientherapie, Hypnotherapie für Kinder und Jugendliche), Lehrender für Systemische Therapie und Beratung (DGSF), Klinischer Sozialarbeiter (ZKS)

Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Beratung und Beratungswissenschaft (insb. Familienberatung und -therapie), Bindungsforschung, Digitalisierung von Beratung, Erzieherische Hilfen, Traumapädagogik.

Leiter der Weiterbildung „Systemische Therapie/ Familientherapie“ an der katho. Vorstandvorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung NRW.

https://katho-nrw.de/berg-mathias-prof-dr

m.berg@katho-nrw.de

10:30 bis 12:00 Uhr Panels

Panel 1: Digitale Unterstützungsformen für psychosozial belastete junge Menschen

Moderation: Karsten Giertz (ECCSW, Landesverband Sozialpsychiatrie M-V e.V.) & Prof. Dr. Maren Bösel (ECCSW, SRH Hochschule Heidelberg)

BeSiN: Begleitforschung zu Streetwork im Netz (gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit 2021 bis 2023)

Die Begleitforschung zu „Streetwork im Netz“ (BeSiN) befasst sich mit einem Feld der Beratung, das Ratsuchende dort aufsucht, wo sie sich regulär aufhalten: Die digitale Streetwork von Condrobs e.V. ConAction ist aufsuchende Soziale Arbeit in Internetforen und über Social-Media Kanäle und richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene mit psychosozialen Schwierigkeiten und Suchtmittelkonsum. Die Begleitforschung untersucht, welche Wirkung die verschiedenen Maßnahmen im digitalen Beratungsformat haben und versucht eine Einschätzung der Passgenauigkeit von aufsuchender Sozialer Arbeit in den digitalen Kommunikationsforen. Die Erkenntnisse sollen als Empfehlungsgrundlage für zukünftige Maßnahmen digitaler aufsuchender Sozialer Arbeit dienen.

Das multimethodische Evaluationsdesign umfasst verschiedene qualitative wie quantitative Erhebungsinstrumente. Derzeit finden leitfadengestützte Interviews mit den Fachkräften von ConAction statt, die sich mit Methoden, Beziehungsaufbau und Kommunikation im digitalen Setting befassen. Weiterhin finden Methoden der virtuellen Ethnographie Anwendung: In teilnehmenden Beobachtungen werden die Aktivitäten der Streetworker:innen exemplarisch begleitet und beschrieben. Die Ergebnisse dieser Erhebungen werden aktuell ausgewertet und sollen im Rahmen eines Vortrags präsentiert werden

Referentinnen: Mara Stieler (Technische Hochschule Nürnberg, Institut für E-Beratung) & Svenja Schüürmann (ConAction)

mara.stieler@th-nuernberg.de

Vorstellung eines psychosozialen online Angebotes für junge erwachsene Survivors nach einer onkologischen Erkrankung im Kindes- und Jugendalter während der Covid-19 Pandemie

Die 5-Jahresüberlebensgrenze bei einer onkologischen Erkrankung im Kindes- und Jugendalter liegt bei 85% und geht mit einer intensiven Behandlung einher. Die körperlichen und psychosozialen Spätfolgen machen eine ganzheitliche, interdisziplinäre Betreuung in der Nachsorge unumgänglich. Neben der laufenden Betreuung in den Behandlungszentren gibt es seit vielen Jahren Nachsorgeangebote für Betroffene und deren Familien von der Österreichischen Kinder-Krebs-Hilfe sowie den Survivors Österreich. Aufgrund der Kontakteinschränkung im Rahmen der Covid-19 Pandemie wurde in Kooperation mit den oben genannten Institutionen ein online Angebot für junge erwachsene Survivors (ab dem 18. Lebensjahr) mit dem Fokus auf Gesundheitsförderung initiiert. In jeder Einheit (1,5 Stunden, 1-2*-monatlich) werden unterschiedliche Themenschwerpunkte mittels inhaltlichen Input vom Leitungsteam (Klinischer Psychologe und Klinische Sozialarbeiterin) behandelt, eng begleitet durch einen regen Austausch und Diskussionen mit den Teilnehmenden. Das Ziel des online Angebots ist neben den inhaltlichen Schwerpunkten das Stärken von Ressourcen der Teilnehmer:innen, das wechselseitige Lernen voneinander sowie die Reduktion der sozialen Isolation während der Pandemie. Im Rahmen der ECCSW-Tagung wird das Konzept dieses online Angebots vorgestellt.

Referentin: Kerstin Krottendorfer (Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Wien)

kerstin.krottendorfer@meduniwien.ac.at

Digitale Beratung bei Menschen mit Essstörungen DigiBEssst: Partizipative Bestandsaufnahme und Entwicklung von Qualitätsleitlinien

Im Zuge der COVID-19-Pandemie haben digitale Angebote in der Essstörungshilfe stark an Bedeutung gewonnen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass von Essstörungen in erster Linie Jugendliche und junge Erwachsene betroffen sind, für die Online-Aktivitäten eine wesentliche Lebenswelt darstellen. Jedoch ist das aktuelle Beratungsangebot professioneller Beratungsstellen im E-Mental-Health-Bereich nicht systematisch erfasst.

Mittels eines Mixed-Method-Designs werden in einem Kooperationsprojekt mit dem Bundesfachverband Essstörungen BFE e.V. zunächst deutschlandweit Online-Beratungsangebote und Erfahrungen mit diesen erhoben, um daraus „good practice“ einerseits und Bedarfe andererseits abzuleiten. Die Erkenntnisse bilden die Grundlage für die Entwicklung von Qualitätsleitlinien für die digitale professionelle Beratung in der Essstörungshilfe. Am Forschungsprozess sind partizipativ Fachkräfte, Betroffene und Angehörige beteiligt.

Referentinnen: Anna Hofer, Prof. Dr. Eva Wunderer, Hochschule Landshut & Sigrid Borse, BFE e.V.

anna.hofer@haw-landshut.de

Panel 2: Digitale Beratungs- und Therapieformen in unterschiedlichen psychosozialen Arbeitskontexten

Moderation: Prof. Dr. Sina Motzek-Öz (ECCSW, Ostafalia Hochschule für angewandte Wissenschaften)

Psychosoziale Beratung in synchronen (virtuellen) Settings – Evaluation einer Umsetzung in Kooperation mit dem Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen.

Synchrone (virtuelle) Beratungsformate haben in den letzten beiden Jahren zu einer weiteren Vervielfältigung der angewendeten Methoden in der psychosozialen Versorgung geführt. Im Zuge eines bereits 2021 abgeschlossenen Forschungsprojekts an der FH Campus Wien (Digiberth 1) konnte gezeigt werden, dass eine Systematisierung synchroner (virtueller) Beratungsmethoden hinsichtlich ihrer konzeptionellen Ausrichtung, finanzieller Ausstattung sowie notwendiger Beratungskompetenzen bislang weitgehend ausgeblieben ist. Der Tagungsbeitrag legt die Studienergebnisse der Digiberth 1-Erhebung zunächst zusammenfassend dar. Anschließend wird ein Training zur Durchführung psychosozialer Beratungen in synchronen (virtuellen) Settings vorgestellt, das auf dieser Grundlage entwickelt wurde. Das Training wurde in einem aktuellen Projekt (Digiberth 2) in Kooperation mit dem Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen angewendet und evaluiert. Ausgewählte Evaluationsergebnisse werden im Beitrag abschließend dargestellt. Der Fokus liegt hier vor allem auf der Betrachtung der Indikation von synchronen (virtuellen) Beratungsmethoden.

Referentinnen: Saskia Ehrhardt & Melanie Zeller (FH Campus Wien)

saskia.ehrhardt@fh-campuswien.ac.at

Stationäre Telepräsenzberatung im ländlichen Raum: Projektvorstellung

Spätestens im Zuge der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass nicht alle Menschen mit Beratungsbedarf über die notwendigen Voraussetzungen zur Teilnahme an Onlineberatung verfügen. Der Zugang zu Hard- und Software ist noch kein Garant für die notwendige Nutzungskompetenz (Otto et al. 2003) – Stichwort second-level digital divide (Iske/ Kutscher 2020).

Im durch das BMBF geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekt „STellaR“ werden daher Telepräsenzberatungsräume in ländlichen Regionen eingerichtet, die niedrigschwellig zu erreichen sind. Sie werden so konzipiert, dass Adressat:innen keine Technik bedienen müssen. Die Videoberatung soll technisch möglichst immersiv sein und durch ein Dokumentenerkennungssystem erlauben, mitgebrachte Unterlagen in Echtzeit gemeinsam mit den Berater:innen zu bearbeiten. Partizipativ angelegte Forschung im Mixed-Methods-Design wird darüber Auskunft geben, wie diese neuen Beratungsorte wahrgenommen werden, welche Effekte sie für die Region haben und inwiefern dort interaktive Immersivität erlebt wird. Zudem betrachten wir die organisationalen, sozialrechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen der Implementierung eines solchen Angebots, um die Hürden und Chancen einer Verstetigung auszuloten.

Referent:in: Anne-Kathrin Schmitz & Philipp Waag (FH Bielefeld)

anne-kathrin.schmitz@fh-bielefeld.de

Blended Counseling – wohin geht’s in der Praxis? Potenziale und Erfahrungen mit digitalgestützter Beratung am Beispiel der Plattform iuvivo

Das Konzept Blended Counseling rückt gegenwärtig zunehmend ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn es um die Frage der Digitalisierung von Beratungsarbeit geht – spätestens seit der im Zuge der Corona-Pandemie deutlich gewordenen Notwendigkeit, auch digitale Instrumente in der psychosozialen Beratungsarbeit einzusetzen.

Wie so oft bei relativ jungen Konzepten besteht indes sowohl theoretisch als auch praktisch noch Klärungsbedarf. Auf der beratungstheoretischen Ebene bleibt das Konzept Blended Counseling bislang weitgehend nebulös und unklar abgegrenzt: Ist Blended Counseling nur ein Synonym für Onlineberatung per Email oder Video – oder handelt es sich um eine eigenständige Beratungsform? Welche Unterschiede gibt es zwischen Blended-Counseling-Varianten? Max Dehne gibt hier einen kurzen Überblick zum Thema und erläutert neben dem Zusammenhang zwischen Blended Counseling und Onlineberatung auch den Unterschied zwischen seriell-separatem und parallel-integrierendem Blended Counseling, der wesentlich für die Frage ist, was Digitalisierung zukünftig für den Fokus der eigenen Beratungsarbeit bedeuten soll.

Auf der Ebene der Beratungspraxis gibt es ebenfalls noch deutlichen Wissensbedarf. So existieren bisher kaum Anwendungen im Sinne eines (parallel-integrierenden) Blended Counselings, auf die in der Beratungsarbeit zurückgegriffen werden kann, so dass Erfahrungswerte dazu fehlen, was Blended Counseling konkret bieten kann und sollte. Eine Ausnahme bildet das Projekt iuvivo, eine systemische Blended-Counseling-App für die psychosoziale Arbeit, die Themen wie partizipative Prozessbegleitung und Zielarbeit, Messenger-Kommunikation, digitale Methodenkoffer sowie Klientenverwaltung und Falldokumentation umfasst. Zu Blended Counseling mit dieser App liegen inzwischen Erfahrungen aus Einrichtungen der Diakonie, den Maltesern und freien Trägern in unterschiedlichen Bereichen (u.a. Kinder- und Jugendhilfe, Schuldner:innenberatung, Kurnachsorge, Ambulantes Betreutes Wohnen, etc.) vor, die Einblicke in den praktischen Einsatz von Blended-Counseling-Tools erlauben und erörert werden sollen: Welche Chancen bieten digitale Blended-Counseling-Tools für die Zusammenarbeit von Fachkräften und Klient:innen? Welche Bedarfe wurden bislang deutlich? Mit welchen technischen, organisationalen und sozialen Herausforderungen ist die Einführung und Etablierung von digitalen Tools verbunden – und wie kann man sie möglicherweise lösen?

Referent: Dr. Max Dehne (Blended-Counseling-Projekt iuvivo)

m.dehne@iuvivo.de

Panel 3: Digitale Unterstützungsangebote im Rahmen von Peer Support

Moderation: Antje Werner (EX-IN M-V, LSP M-V) & Nicole Heyden (EX-IN M-V)

Werkstattbericht zum Projekt Telefonische Genesungsbegleitung und zum Projekt trialogische Digitale Beratung M-V

Referentinnen: Sylvia Grieger & Sonja Doepke (EX-IN Mecklenburg-Vorpommern e.V.)

DepriBuddy – Die online Selbsthilfe-Community für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und Menschen, die sich für diese Personengruppe einsetzen möchten

Referent: Alexander Liedtke (DepriBuddy)

OPENtalk – Eine Chatplattform von Jugendlichen für Jugendliche

OPENtalk ist ein webbasiertes Chatprogramm, das spezifisch ausgebildete, jugendliche Peer-Begleiterinnen mit hilfesuchenden Peers verbindet, um sich anonym zu psychosozialen Themen, Anliegen und Problemen auszutauschen und bei gegebenem Bedarf an eine professionelle psychosoziale Beratung oder Therapie weiter zu verweisen. OPENtalk bietet Rückhalt und Hilfe in Belastungssituationen und bei kritischen Lebensübergängen und trägt dazu bei, Jugendliche in hilfreiche soziale Netzwerke zu befördern. Die Begleitung durch jugendliche Peer-Begleiterinnen ist langfristig angelegt, anonym, niederschwellig im Zugang und passgenau, d.h. nahe an der Lebenswelt von Jugendlichen. Peer-Begleiterinnen werden zudem von psychosozialen Fachkräften supervidiert. Mittel- bis längerfristig kann die Nutzung zu einer Entlastung führen und die Zugänglichkeit zu höherschwelligen professionellen Hilfsangeboten erleichtern. Das Angebot von OPENtalk wird evidenzbasiert im Zuge eines partizipativen Forschungsprojektes entwickelt, in dem auch die Zielgruppe des Angebots und wichtige Stakeholderinnen zu Wort kommen.

Referentin: Christina Frank (Karl Landsteiner Privatuniversität)

Panel 4: Digitale Unterstützung im Kontext der Prävention, Aufklärung und Beratung in der Suchtarbeit und Anti-Stigma-Arbeit

Moderation: Prof. Dr. Andreas Speck (Hochschule Neubrandenburg, ISP M-V)

Das Projekt SubFAN: Digitale Transformation der Beratungsarbeit mit substanzkonsumierenden Fußballfans in Nordrhein-Westfalen

Jugendliche und junge Erwachsene, die Teil der deutschen Fußballfanszenen sind, weisen zum Teil einen erhöhten Konsum von Alkohol, Cannabis und anderen psychotropen Substanzen auf. Nicht selten führt dieser problematische Konsum zu unterschiedlichen Gewaltdynamiken oder zu individuellen psychosozialen Problemlagen (Deimel et al. 2019). Die etablierten sozialarbeiterischen Fanprojekte bieten seit Langem eine niedrigschwellige psychosoziale Unterstützung in der fankulturellen Lebenswelt an und begleiten die Fans durch ihren Szenealltag.

Das Projekt „SubFAN: Substanzkonsum in Fußballfanszenen“ setzt hier an: Das onlinebasierte Beratungs- und Informationsportal richtet sich an aktive Fußballfans im Jugend- und jungen Erwachsenenalter, die einen psychosozialen Beratungsbedarf und insbesondere einen problematischen Substanzkonsum haben. Diese digitale Transformation des Beratungssettings wird in Deutschland erstmalig erprobt. Das Beratungsportal setzt auf eine anonymisierte und niederschwellige Beratung, die von zehn Fanprojekten Nordrhein-Westfalens durchgeführt wird. In Form eines Vortrags sollen die Konzeption und erste Ergebnisse des zielgruppenorientierten Onlineberatungsportals (www.fan-support.de) vorgestellt werden.

Referent:in: Laura Arasteh-Roodsary & Prof. Dr. Daniel Deimel (Katholische Hochschule NRW, Abteilung Köln/ Aachen)

l.arasteh-roodsary@katho-nrw.de

Hypersexualität und Digitalisierung – Neue Perspektiven in der psychosozialen Ver-sorgung von Menschen mit sexuellen Süchten

Die sexuelle Entwicklung stellt für die Adoleszenz eine wichtige Herausforderung dar. Gleichzeitig sorgen Digitalisierungsprozesse dafür, dass heutzutage nahezu alle Lebens-bereiche medialen Einflüssen unterworfen sind. Nie war der Zugang zu sexualbezogenen Medien so niedrigschwellig wie heute. Eine häufig in diesem Zusammenhang untersuchte psychosoziale Problemlage stellt hypersexuelles Verhalten (HV) dar. HV (umgangssprachlich Sexsucht) umschreibt dabei nach ICD-11 ein Sexualverhalten mit exzessivem Charakter, welches sich durch Kontrollverlust auszeichnet, als Coping-Strategie verwendet wird sowie zu negativen zwischenmenschlichen, finanziellen und berufsbezogenen Konsequenzen führt. Assoziationen bestehen weiterhin mit komplementären psychiatrischen Störungen, sexuellem Risikoverhalten und einem allgemein schlechteren mentalen Gesundheits-empfinden.

Ziel des Beitrages ist es, a) die Kenntnisse aktueller Forschungsbefunde in Bezug auf HV zu bündeln, b) neue Entwicklungen in der sexualbezogenen Mediennutzung aufzuzeigen sowie c) mögliche Herausforderungen für die (digitale) psychosoziale Versorgung von Menschen mit sexuellen Süchten zu eruieren. Die Einbindung entsprechend neuer Perspektiven in die sexuelle Aufklärung, Prävention und Beratung scheint hilfreich, um psychosexuelle Gesundheit entsprechend zu fördern.

Referent: Dennis Jepsen (Institute of Medical Sociology (IMS), Medical Faculty – Martin Luther University Halle-Wittenberg)

dennis.jepsen@medizin.uni-halle.de

ReSy – Reducing Stigmata by Virtual Reality

Die Stigmatisierung von psychischen Störungen eines der drängendsten globalen Probleme. Unter existierenden Anti-Stigma-Interventionen scheint, neben edukativen Programmen, vor allem der direkte Kontakt Vorurteile zu reduzieren. Da dies sehr personal-, zeit- und kostenintensiv ist, werden vermehrt medienbasierte Interventionen untersucht. Empirische Ergebnisse zeigen, dass medial vermittelter (para-sozialer) Kontakt oder Simulationen (z.B. spezifischer Symptome) Stigmata reduzieren und Empathie fördern kann. Andererseits finden sich auch Hinweise auf ausbleibende und gegenteilige Effekte virtueller Simulationen. Vorliegenden Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass weitere Forschung unbedingt erforderlich ist.

Das vorzustellende Promotionsvorhaben zielt darauf ab den Nutzen einer Symptomsimulation via Augmented Reality mitunter in Kombination mit einer medienbasierten Kontaktintervention zu untersuchen, um Stigmata gegenüber Schizophrenie erkrankten Personen zu reduzieren. Ziel ist es dabei insbesondere die bestehenden Forschungslücken hinsichtlich der spezifischen Wirkmechanismen sowie der kurz- und langfristigen Effekte auf implizite (unbewusste) Einstellungen (Vorurteile) und auf Verhalten (Diskriminierung) zu schließen.

Referentin: Eva-Maria Weiß (FHWS Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften, ReSy | Reducing Stigmata by Virtual Reality)

eva-maria.weiss@fhws.de

Panel 5: Professionelle Vertrauens-, Beziehungs- und Netzwerkgestaltung in der Klinischen Sozialarbeit – aktuelle Forschungsergebnisse

Moderation: Prof. Dr. Silke Gahleitner (ASH Berlin) & Lisa Große (ECCSW, ASH Berlin)

Keine Diagnostik ohne Beziehung – keine Beziehung ohne Diagnostik! – Ergebnisse aus qualitativen Interviews mit geflüchteten Jugendlichen

Immer wieder entfachen sich Diskussionen im Bereich der Sozialen Diagnostik daran, inwiefern Instrumente isoliert in ihrer Bedeutung für den sozialdiagnostischen Prozess beforscht, beurteilt und eingeschätzt werden können, ob sie also additiv oder prozessual zu betrachten sind. Das Forschungsprojekt TRAM hat dies für minderjährige Geflüchtete empirisch unter die Lupe genommen. In zweimal 10 problemzentrierten Interviews mit Jugendlichen vor und nach dem diagnostischen Prozess wurden Bedarf und Einsatz diagnostischen Fallverstehens untersucht und prozesskontextualisiert ausgewertet. In der formativ-evaluativen Begleitung der Implementierung des Diagnostikmodells wird deutlich, wie hoch der Stellenwert des prozessualen und beziehungsorientierten Geschehens für die Jugendlichen ist und was das Vertrauensverhältnis für die Qualität des gemeinsamen Verstehens bedeutet.

Referentin: Lisa Große (ASH Berlin)

Grosse_lisa@gmx.net

Wieder Vertrauen schaffen für ehemalige Heimkinder aus der DDR – ein lebenslanger Prozess

Vor etwa 15 Jahren kamen die katastrophalen Zustände der Heim- und ‚Fürsorge’-Erziehung der ehemaligen BRD wie DDR an die Öffentlichkeit. Unter den Folgeerscheinungen der Erfahrungen in den Heimen leiden Betroffene jedoch bis heute. In dem seit 2019 laufenden Forschungsverbund Testimony wurden die Erfahrungen in DDR-Heimen untersucht und Möglichkeiten der Bewältigung und Unterstützung für die Betroffenen exploriert. Anhand von 20 problemzentrierten Interviews mit ehemaligen Heimkindern, die inhaltsanalytisch – jedoch fallkontextualisiert – ausgewertet wurden, wurden Einzelfalldarstellungen erarbeitet, die die biografischen Erlebnisse der Befragten anschaulich werden lassen. Vertrauens- und Beziehungsprobleme werden darin zahlreich angesprochen und ebenso, was für die Interviewten hilfreich war, um neue und konstruktive Wege einschlagen zu können. Die Ergebnisse geben wertvolle Hinweise für Bewältigungs- und Aufarbeitungsprozesse auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene.

Referentin: Maite Gabriel (ASH Berlin)

gabriel@ash-berlin.eu

Wenn Tiere Brücken bauen – Vertrauens- und Beziehungsaspekte in tiergestützten Interventionen in Therapeutischen Jugendwohngruppen

Tiergestützte Interventionen haben in den letzten Jahren in psychosozialen Handlungsfeldern stark an Gewicht gewonnen, u.a. in der Arbeit mit psychisch hoch belasteten Jugendlichen in stationären Jugendhilfesettings. Im Rahmen des Praxisforschungsprojektes „Tiergestützte Interventionen in Therapeutischen Jugendwohngruppen“ (Förderung: IFAF Berlin) wurde in einem kooperativen Prozess zwischen Akteur:innen aus Praxis und Forschung ein spezifisches hundegestütztes Interventionsprogramm für den Einsatz in Therapeutischen Jugendwohngruppen (TWGs) entwickelt und in einer begleitenden Mixed-Methods-Studie umfassend evaluiert. Insbesondere die qualitativen Erhebungen und Analysen (in Form von Interviews mit persönlichen Expert:innen – den Jugendlichen – und fachlichen Expert:innen – Mitarbeitende der pädagogisch-therapeutischen Teams der TWGs –, einer strukturierten Gruppendiskussion mit den beteiligten Fachkräften für tiergestützte Interventionen sowie einer qualitativen Videoanalyse der sozialen Interaktionen in den Interventionseinheiten) ermöglichen einen detaillierten Einblick, welche Wirkungen aus Sicht verschiedener Beteiligter auftreten und wie Beziehungen (zwischen Jugendlichen, Hund und Fachkraft) und wechselseitiges Vertrauen in der tiergestützten Intervention entstehen.

Referentin: Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner (ASH Berlin)

sb@gahleitner.net

13:00 Uhr Keynote 2

Aktuelle Herausforderungen und Potentiale der Onlineberatung

Petra Risau

Nicht erst seit Corona ist deutlich, dass Onlineberatung eine notwendige Erweiterung der bestehenden Beratungsstrukturen darstellt. So geht es aktuell nicht mehr um die Frage, ob Onlineberatung eine sinnvolle Beratungsform ist, sondern darum, wie Onlineberatung konzipiert sein muss, um effektiv zu wirken und Ratsuchende zu erreichen. Dies betrifft sowohl die Beratungsformate als auch die Beratungskonzepte und Interventionen.

Im Vortrag werden die Besonderheiten, Möglichkeiten und Herausforderungen sowie aktuelle Entwicklungen der Onlineberatung aufgezeigt. Ebenso wird der Frage nachgegangen, welche Beratungs- und Kommunikationskanäle (Mail, Chat, Messenger, Video, hybride Formen…) mit welchen möglichen Wirkmechanismen für welche Zielgruppe geeignet sind und sich ggf. im Sinne von Blended Counseling sinnvoll miteinander verschränken lassen.

Petra Risau ist Diplom-Pädagogin und Systematische Beraterin mit den Schwerpunkten psychosoziale Onlineberatung und Prävention gegen sexualisierte Gewalt. Sie ist Mitarbeiterin beim Kinderschutzportal und außerdem Lehrbeauftragte, Dozentin, Trainerin und Mentorin für Onlineberatung, Onlineberaterin. Sie ist Redaktionsmitglied des www.e-beratungsjournal.net.

Mehr Informationen unter: https://www.petra-risau.de/

14:15 Uhr Keynote 3

Digital Streetwork – Notwendige Ergänzung klient:innenorientierter Jugendsozialarbeit und Motor einer ganzheitlichen Medienkompetenzvermittlung

Dr. Fabian Wiedel

Der Vortrag setzt es sich zum Ziel, das Potenzial digitaler Streetwork für die soziale Arbeit und für die Medienpädagogik auf theoretischer und handlungspraktischer Ebene auszuloten. Drei Argumentationsschritte beziehungsweise Gliederungspunkte sollen dabei helfen. Zunächst wird sowohl aus dem medien- und sozialpädagogischen Forschungsstand eine andauernde Notwendigkeit digitaler Werkzeuge und Zugänge zu speziell heranwachsenden Zielgruppen abgeleitet (1). Ideen und Konzeptvorschläge dazu gibt es aus Wissenschaft und Praxis bereits seit gut 20 Jahren. Gleichzeitig mangelt es vielen Lehrer:innen, Eltern und Sozialpädagog:innen in individuell wechselnder Verteilung nach wie vor an Ressourcen, Wissen und Bereitschaft. Dennoch: Kinder beginnen immer früher im Leben mit der Nutzung digitaler Medien und Jugendliche vollziehen immer größere Teile ihrer gesellschaftlichen Sozialisation in virtuellen Handlungswelten. Die Medienpädagogik und die Jugendsozialarbeit können ihrem Auftrag insofern schlicht nicht mehr umfassend gerecht werden, wenn sie es nicht schaffen, den digitalen Raum für sich zu erschließen.

Positiv ist, dass Forschung und Praxis in den vergangenen zwei bis drei Jahren (auch pandemiebedingt) in ihren Digitalisierungsbestrebungen deutlich konkreter und aktiver geworden sind. Vorgestellt wird stellvertretend für eine lösungsorientierte Forschungsdebatte das Konzept einer ganzheitlichen Medienkompetenzvermittlung, für die wiederum eine digitale und aufsuchende Jugendsozialarbeit (Digital Streetwork) zum elementaren Werkzeug und Motor werden kann (2). Dem zugrunde liegt der Gedanke, dass nur spezialisiert geschulte Personen mit hoher Authentizität und entsprechend niedrigschwelligen Hilfsangeboten Zugang zur digitalen Straße bekommen. Im Vergleich zur analogen Streetwork könnten die Anforderungen in der anonymen Digitalität sogar noch etwas höher liegen. Gelingt es jedoch, digitalaffine und medienkompetente Sozialarbeiter:innen im Gaming, in sozialen Netzwerken oder auf Nachrichtenplattformen zu etablieren, hätte das zwei große Vorteile. Zum einen könnte die Soziale Arbeit ihr Methodenspektrum zielführend erweitern und ihre Effizienz (wieder) steigern. Zum anderen könnten digitale Streetworker:innen mit ihren hochexklusiven Einblicken das gesellschaftliche Netzwerk pädagogischer Akteure mit aktivierenden Informationen versorgen.

Mehrere Pilotprojekte, aus denen im abschließenden Teil des Vortrags berichtet werden soll, sammeln bereits praktische Erfahrungen im Bereich der digitalen Streetwork (3). Angesichts weitreichender Einschränkungen im öffentlichen Leben in den vergangenen zwei Jahren haben Streetworker:innen teilweise von sich aus angefangen, über digitale Kanäle (Whatsapp, Instagram etc.) beziehungsweise in digitalen Handlungswelten (z.B. gemeinsames Online-Gaming) auf ihre Klient:innen zuzugehen. Hier fehlt es aber häufig an dauerhaften Ressourcen beziehungsweise am systemischen Bekenntnis. Dennoch entstehen wertvolle erste Erfahrungen zur generellen Machbarkeit, zu rechtlichen Hürden und zur Einbindung digitaler Tätigkeiten in bestehende analoge Strukturen. Darf ein:e Streetworker:in beispielsweise Videospiele ab 18 mitspielen, wenn es der einzige Weg ist, Kontakt zu ihren/seinen teilweise minderjährigen Klient:innen zu halten? Oder wie lassen sich regionale Zuständigkeiten im analogen Bereich mit überregionalen Cliquen im digitalen Raum vereinbaren? Großflächig angelaufen ist die Einführung digitaler Streeworker:innen mit der Bewilligung von 14 Pilotstellen im Bundesland Bayern im Frühjahr 2021. Auch hier wird es spannend sein, mehr über den Status Quo ein Jahr später zu erfahren sowie Chancen und Herausforderungen zu diskutieren.

Dr. Fabian Wiedel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Digitale und Strategische Kommunikation der Universität Passau und Sprecher der Fachgruppe Medienpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK). Sein Studium der Kommunikationswissenschaft absolvierte er in Passau (Univ., B.A.) und München (LMU, M.A.). Seine Dissertation entwickelt ein praxisbezogenes Modellkonzept digitaler Streetwork im Gaming als Prototyp nutzungsbegleitender Medienpädagogik.

Schwerpunkte seiner aktuellen Forschung sind lebensweltorientierte Ansätze in der digitalen Medienkompetenzvermittlung sowie die Leitlinien öffentlicher Aufmerksamkeitslogik in einer mediatisierten Gesellschaft. 

Mehr Informationen unter: https://www.phil.uni-passau.de/disko/lehrstuhlteam/dr-fabian-wiedel/


Veranstaltet und organisiert von: